Zwei Themen bestimmten diese mit @sixtus-Videos gepimpte Session über die Zukunft der Welt, wie wir sie kennen. Warum nicht über die Welt nachdenken, wie sie sich entwickelt. Ich finde das gut.
Netkarma
Als These wir die Vorstellung entwickelt, dass Menschen auf einer Plattform systematisch in allen Facetten bewertet werden. Komplett, total, öffentlich. Die Ergebnisse speile infolgedessen eine entscheidende Rolle bei allen sozialen Beziehungen – Job, Freunde, Versicherung und was es da noch so alles gibt.
Frau Mercedes Bunz weist darauf hin: Aber das haben wir ja im Alltag bereits alles. Werden wir nicht in Schule mit Zeugnissen, auf dem Job mit Zeugnissen, beim Arzt mit Testaten dokumentiert, also klipp und klar bewertet? Oder seit den 70gern von den Arbeitsmessern der REFA? Noch konkreter: Klout, die verruchte Plattform, die alle Kennziffern aus den Sozialen Netzwerken zusammenfasst und zu einem Score auswertet.
Habe ich kein Problem damit, meint erwartbar @plomlompom. “Aggressive Bewertungssysteme haben ein befreiendes Potenzial.” Beispiel: Der Schulabschluss wird wertlos. Aber er sagt dann aber. Ein gutes “Aber”. Die Scores müssten transparent sein (sind sie nicht, die Rankingalgorithmen) und viele Anbieter sollten zur Auswahl stehen. Hier muss ich einwenden: die Branche tendiert zur Zentralisierung.
“Und sie dürfen nicht diskriminieren”, wirft Christoph Kappes ein. Mit Diskriminierung meint er den Umstand, dass ein bestimmter Faktor bei einem Individuum anders bewertet wird, als bei seinem Nächsten. Denn auf Grund dessen Ergebnisse aus den anderen Bewertungsfakten kommt Kloutscore zu anderen Bewertungen für das gleiche Verhalten.
Beifall für Bunz: “Ich will nicht in einem Unternehmen arbeiten, das auf der Basis von Klout über Einstellungen entscheidet.” Letztlich herrscht Einigkeit auf dem Panel: das ständige Schielen auf die Bewegungen des Kloutscores und dessen Handhabung als alleinige Basis für Entscheidungen jedweder Art kann nur dumm genannt werden.
Net Tribes
Zweites Thema: die Auflösung des Staates und sein Ersatz in Form von “net tribes”. Das Szenario beinhaltet die totale Hingabe des Individuums an die Webwirklichkeit. In prägen sich neue Identitäten aus. Zwar entsteht so eine feste Bindung an global existierende Webvölkerschaften, aber das reale soziale Umfeld wird vernachlässigt. Es entstehen neue Sprachen, die im lokalen Alltag niemand spricht. Die Staaten werden abgelöst durch sich selbst definierende Identitäten.
Dieses Szenario war den versammelten Zukunftsforscher_innen dann doch etwas zu radikal. Frau Bunz stellte persönlich eine starke Bindung an den lokalen Kulturraum fest, aber wenn es dann technisch möglich sei, die allumfassenden Webidentitäten alltäglich zu leben, dann, ja, dann können sie sich sowas schon vorstellen. @plomlomom nahm der Frontstellung die Schärfe. Er sieht eine Evolution am Werke die die Nationalstaaten weiter schwächt und in der globale Einflüsse immer stärker werden. “Das wird sich alles noch viel mehr vermischen.” Ein Problem noch stärkerer Abgrenzung sieht er auch nicht: Selbst wenn es zu diesen starken Webidentitäten komme, werde diese untereinander mit Sicherheit sehr kommunikationsfreudig agieren.
Und nu?
“Ich würde mich gerne aus diesem Staat abmelden, aber das geht nicht,” beschwert sich einer aus dem Publikum.
Nee, das geht wirklich nicht. Okay, man könnte es einführen. Von mir aus.
Aber soll ich euch mal was sagen: muss das sein? Soviel Bohei über diese im Grunde obsolete Frage? Können wir nicht einfach weitermachen, erst die Vereinigten Staaten von Europa, dann die Wahl des Weltpräsidenten? Dann erledigt sich das irgendwann von selbst, wenn wir alle total vernetzte Wesen sind. Und in komischen Garderoben durch die Gegend laufen. Wie Otakus. Schauder.
